Bitcoin ist halal

Teil XI der Bitgenstein-Serie

Aus dem Original “Bitcoin Is Halal” von Allen Farrington, erschienen am 20. Februar 2021 in der Serie “The Bitgenstein Serialization”. Übersetzt von stfano, Lektorat durch actionslave.


Eine Einzelperson kann verhaftet werden, wenn sie in ihrem eigenen Haus Geld “herstellt”, aber das kommerzielle Bankensystem genießt den vollen Schutz des Gesetzes, wenn es das Gleiche tut. Das ist nicht gerecht… Manche sagen, dass wir eine islamische Alternative zum modernen Geschäftsbankensystem entwickeln müssen. Aber warum müssen wir das tun? Die islamische Alternative zur Zigarettenindustrie ist keine Zigarettenindustrie, und wenn wir unseren Prinzipien treu bleiben würden, könnten wir erkennen, dass die islamische Alternative zum Geschäftsbankwesen kein Geschäftsbankwesen ist.

Tarek El Diwany

Dass Bitcoin möglicherweise mit den Lehren des islamischen Finanzwesens in Einklang gebracht werden kann, ist eine Erkenntnis, die ich einem Gespräch mit Saifedean Ammous verdanke. Was wir damit meinen, ist in etwa folgendes: Da Bitcoin ein digitaler Inhaberwert und kein Schuldtitel ist, wird er aufgrund seiner Beschaffenheit außerhalb von Finanzinstituten sicher verwahrt. Hinzu kommt, dass ohne die Möglichkeit, neue Bitcoin zu prägen – weil und sobald es politisch zweckdienlich wäre, eine Einlagensicherung unmöglich ist und die Vergabe von Krediten die vorherige Bereitstellung von liquiden Mitteln erfordert. Daher wären künftige Intermediäre nicht in der Lage, den Schutz der Anleger vor Verlusten aus den Aktivitäten des Schuldners zu gewährleisten.

In dieser Kombination wird es vergleichsweise sehr viel unwahrscheinlicher, dass Kapitalgeber eine feste Gewinnmarge und ein unbegrenztes Verlustpotenzial akzeptieren, insbesondere angesichts der nahezu sicheren Deflation anstelle der gegenwärtigen Norm der Inflation, der man gezwungenermaßen mit einem Vermögenszuwachs mit geringer Volatilität hinterherjagen muss. Potentielle Einleger werden größtenteils entweder einseitig sparen oder Gewinnanteile vom Firmenkapital verlangen. Das Angebot wird schrumpfen und große Teile der Nachfrage nach Fremdkapital werden aus dem verbleibenden Markt verdrängt werden.

Was vom zwischenmenschlichen, nicht programmatischen Bankwesen übrig bleibt, wird wahrscheinlich den Vorschriften des islamischen Finanzwesens sehr ähnlich sein – mit einer drastisch reduzierten Rolle für Schulden und einem Schwerpunkt auf Risikoteilung statt Risikoübertragung. Bitcoin ist halal.

Um das deutlich zu sagen, die Argumentation, die zu diesem Ergebnis führt, ist eine ganz andere. Im Islam sind Zinsen auf Geldschulden (riba, الربا) aus ethischen Gründen rechtswidrig (haram, حرام), während ich vermute, dass sie in einem Bitcoin-Standard aus rein ökonomischen Gründen kaum auftauchen werden, da die Risiken (endlich!) richtig bepreist werden und daher legitim geteilt und nicht unehrlich übertragen werden können. Dennoch hat das daraus resultierende Verhalten eine klare ethische Ähnlichkeit mit den kulturellen Normen in der Bitcoin-Gemeinschaft, die sich in erster Linie auf eine niedrige Zeitpräferenz konzentrieren. Man beachte die Ermahnung des islamischen Gelehrten Abul Alā Mawdūdī (بو الاعلی مودودی), dass

“jedes Mitglied der muslimischen Gemeinschaft die Pflicht hat, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu leben. Es ist ihm untersagt, seine Ausgaben seine Einnahmen übersteigen zu lassen, so dass er gezwungen ist, seine Hände nach anderen auszustrecken, um seine Extravaganz aufrechtzuerhalten, unlautere Mittel zu verwenden, um sich den Reichtum anderer anzueignen, oder sich bei anderen zu verschulden, um seine unendlichen Bedürfnisse zu finanzieren, und sich schließlich in die Reihen der Mittellosen einzureihen, indem er seine Mittel aufbraucht, um seine Schulden zu begleichen.”

Und selbst wenn wir den zugrundeliegenden ethischen Einwand in Frage stellen, sind weitere Ähnlichkeiten in der Gesinnung auf einer höheren Ebene sehr naheliegend. Wir könnten zum Beispiel denken, dass es selbst in einem Bitcoin-Standard immer noch ein gewisses Angebot und eine gewisse Nachfrage nach zinstragendem, risikobehaftetem Kapital geben wird; warum sollte dann ein einvernehmlicher Austausch verhindert werden? Die islamische Antwort hängt mit dem haram-Merkmal dessen zusammen, was als “Spekulation” gilt: Angesichts der dem Unternehmertum innewohnenden Unsicherheit ist die Verpflichtung zur Zahlung von Zinsen auf fremde Geldmittel zwangsläufig betrügerisch, da der Schuldner nicht weiß und nicht wirklich wissen kann, ob er in der Lage ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Nur pari-passu-Kapitalbeteiligungen sind fair und ehrlich und führen darüber hinaus nicht zu einer Disharmonie der Anreize oder Aussichten zwischen den Kapitalgebern. Noch einmal: Wir mögen unterschiedliche Auffassungen von der Ethik solcher Verträge haben, aber Mawdūdīs Abrechnung mit den Folgen der starken Zunahme solcher “Spekulationen” hat schon etwas an sich:

“Aufgrund des Fehlens einer vernünftigen und gesunden Beziehung der partizipativen Zusammenarbeit zwischen dem Kapitalisten [Gläubiger] und dem Unternehmer [Schuldner] leidet die Weltwirtschaft enorm und wird mit abwechselnden Höhen und Tiefen konfrontiert, die sich negativ auf die wirtschaftliche Gesundheit der Welt auswirken. Der Würgegriff des Kapitalisten hat dazu beigetragen, den Geist der Spekulation und der Geldschöpfung durch Zinsen anzukurbeln. Dies hat natürlich die bilaterale Beziehung zwischen Kapital und Unternehmen vergiftet. Und das Anheben und Absenken der Zinssätze erfolgt nun in einer Weise, die die wirtschaftliche Gesundheit der gesamten Welt stets in Gefahr bringt.”

Wenn man einfach “alle Schulden” durch “Geld als Schulden” ersetzt und die Konsequenzen ähnlich nachzeichnet, würden Bitcoiner wahrscheinlich völlig zustimmen. Der Wirtschaftswissenschaftler und renommierte Gelehrte für islamisches Finanzwesen Mohammad Siddiqi stellt diese Verbindung in seinem Buch A Vision for the Future of Islamic Economics (Eine Vision für die Zukunft des Islamischen Wirtschaftswesens) ganz trocken her, indem er feststellt, dass “fast das gesamte im Umlauf befindliche Geld eine zinstragende Schuld ist, mit der Vermögen von den Nutzern der Geldmittel auf die Kapitaleigentümer übertragen wird. Es ist technisch nicht notwendig, dass die Zahlungsmittel der Gesellschaft dies tun.” Tarek El Diwany stellt in The Problem with Interest (Das Problem mit dem Zins) eine verblüffend ähnliche These auf wie ich in The Capital Strip Mine (Der Kapital-Tagebau), allerdings auf einer ganz anderen Grundlage: “Verschmutzte Flüsse, verfaulende Müllhalden und ressourcenerschöpfte Meere sind möglicherweise nur die erste Rate des Preises, den man dafür zahlt, wenn man sich auf einen Wettlauf mit dem Zinseszins einlässt.”

Bis zu einem gewissen Grad scheint auch der IWF dieser Meinung zu sein, ob man es glaubt oder nicht. In einem Arbeitspapier von 2010 mit dem Titel The Effects of the Global Crisis on Islamic and Conventional Banking: A Comparative Study (Die Auswirkungen der globalen Krise auf das islamische und konventionelle Bankwesen: Eine vergleichende Studie) kommen Maher Hasan und Jemma Dridi zu dem Schluss, dass islamische Banken aufgrund ihrer auf Vermögenswerten und nicht auf Schulden basierenden Geschäfte “einen engeren Bezug zur Realwirtschaft haben und tendenziell weniger zu Exzessen und Blasen beitragen.” Das Papier enthält auch die unfreiwillig komische Erklärung, dass,

“die Gewinn-/Verlustbeteiligung von Investitionseinlagen den islamischen Banken einen zusätzlichen Puffer bietet. Diese Eigenschaft wurde jedoch in der Krise nicht ausprobiert, da die meisten Banken profitabel blieben. Darüber hinaus dürfte diese Eigenschaft im Kontext der Krise und angesichts der lockeren Geldpolitik in den meisten Ländern die Wirtschaftlichkeit islamischer Banken im Vergleich zu konventionellen Banken negativ beeinträchtigen.”

Die engsten Analogien zu “Krediten”, wie wir sie uns vorstellen könnten, sind qard al-hasan (قرض الحسن), ein direktes zinsloses, wohlwollendes Darlehen, und sukuk (صكوك), eine Art gebündelte, befristete Kapitalanlage, die merkwürdigerweise mehr an die venezianische Colleganza erinnert als an ein übliches zeitgenössisches Instrument. Sicherheiten sind in beiden Fällen unüblich, aber wenn sie genommen werden, gibt es einen letzten faszinierenden Unterschied: Die Sicherheiten müssen für die Dauer der Laufzeit in den Besitz des Kreditgebers übergehen, so dass im Falle eines Ausfalls keine Rücknahme erfolgt. Wie bei allem im islamischen Finanzwesen geht es letztlich einfach um Fairness und Gerechtigkeit; wer mit einer Hypothek in Verzug gerät, wird nicht aus seinem Haus geworfen, weil das Haus im Besitz des Schuldners ist und von ihm genutzt wird und von vornherein keine halale Sicherheit gewesen sein kann. Die Verbindung zu Bitcoin ist der mögliche Anreiz, in einem gesunden deflationären Umfeld nicht auf Sachwerte zurückzugreifen, um Werte langfristig zu speichern, sowie ein für alle Parteien erhöhter Grundanreiz, bei Finanztransaktionen auf solides Geld zuzugreifen und es zu behalten:

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Man muss sich nicht persönlich zu allen oder irgendwelchen Lehren des islamischen Finanzwesens bekennen, um einen allgemeineren Punkt als die zugegebenermaßen schwachen Verbindungen zu Bitcoin anzuerkennen. Das Studium des islamischen Wirtschafts- und Finanzwesens ist faszinierend, da es meiner Meinung nach die einzige systematisierte, zeitgemäße und erfolgreiche Alternative zu dem ist, was wir als “westliche” Finanzprinzipien bezeichnen könnten, die jetzt natürlich nahezu globalisiert und im Handel scheinbar allgegenwärtig sind. Man beachte beispielsweise, dass der IWF “islamische Banken” als Gegenstück zu “konventionellen Banken” bezeichnet (ich betone übrigens “erfolgreich”, um die islamische Ökonomie vom Sozialismus abzugrenzen, der, wie der Leser vielleicht wissen möchte, in Mawdūdīs Mankind’s Economic Problems and their Islamic Solutions (Die Wirtschaftsprobleme der Menschheit und ihre islamischen Lösungen) die wohl prägnanteste und schlagkräftigste Widerlegung erfährt, die ich je gelesen habe, indem er Mises und Havel in einer zweiseitigen Polemik vereint).

Eine allgemeine Schwierigkeit bei der konzeptionellen Herausforderung, die Bitcoin darstellt, ist, dass diese Allgegenwart es schwierig macht, überhaupt in Begriffen außerhalb des Rahmens der westlichen Mainstream-Finanzwelt zu denken. Das westliche Finanzwesen ist Wasser. Aber eine Ansicht kann sich durchsetzen und Prinzipien können in Frage gestellt werden. Mawdūdī, Siddiqi und El Diwany haben sie in Frage gestellt, Nakamoto hat sie in Frage gestellt, und der Leser ist es sich selbst schuldig, sie ebenfalls in Frage zu stellen. Moral über vermeintliche Rentabilität zu stellen, kann ein solider Grundstein sein.

weiter zu Teil XII: Bitcoin ist Schwerkraft


Dies ist ein Gastbeitrag von Allen Farrington. Die geäußerten Meinungen sind ausschließlich seine eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die von Aprycot Media wider.

Die anderen Artikel dieser Serie findest du in unserer Mediathek unter Die Bitgenstein-Serie.

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