Spekulative Attacken

Aus dem Original „Speculative Attack“ von Pierre Rochard erschienen im Nakamoto Institute im Juli 2014. Übersetzt von Jan Paul & BTC-Overthinker.


Einleitung

Bitcoin-Schwarzseher1 können es nicht lassen sich darüber aufzuregen, dass Bitcoin es niemals in den Mainstream schaffen wird. Vergnügt  sorgen sie sich, dass Bitcoin die Innovationskluft niemals überspringen wird:

  • Es ist viel zu kompliziert
  • Es hat nicht die richtige Führungsstruktur2
  • Sicherheit richtig hinzubekommen ist zu schwierig zu erreichen
  • Bestehende und künftige Fiat-Zahlungssysteme sind oder werden überlegen sein
  • Es ist zu volatil
  • Die Regierung wird es verbieten
  • Es wird nicht skalieren

Die Antwort der Bitcoin-Gemeinschaft besteht darin, entweder die oben genannten Punkte3 endlos zu debattieren oder ihren inneren Bitcoin-Jonah4 zu finden, mit Allgemeinplätzen wie:

  • Bitcoin als Währung spielt keine Rolle, es ist die Blockchain-Technologie, die zählt.
  • Es wäre besser, wenn die Blockchain-Technologie von Banken und Regierungen genutzt würde
  • Bitcoin sollte weiterhin eine Nische für Nerds sein, es ist nur ein Experiment
  • Fiat und Bitcoin werden Seite an Seite leben, glücklich bis ans Ende ihrer Tage
  • Bitcoin ist das Myspace der ‚virtuellen Währung‘

Diese Sophismen sind eigentlich jeweils einen eigenen Artikel wert, wenn auch nur um die psychosozialen Archetypen dieser einschlägigen Papageien zu analysieren.

Einige der oben erwähnten Kritikpunkte sind zwar richtig, aber sie sind unzulässige Fehlschlüsse. Bitcoin wird vom Mainstream nicht mit großer Begeisterung übernommen werden, sondern ihm aufgezwungen werden. Gezwungen, wie in „durch die wirtschaftliche Realität erzwungen“. Die Menschen werden gezwungen sein, mit Bitcoins zu bezahlen, nicht wegen „der Technologie“, sondern weil niemand ihr wertloses Fiatgeld für Zahlungen akzeptieren wird. Entgegen der landläufigen Meinung verdrängt nämlich gutes Geld das schlechte. Dieses „Verdrängen“ hat als kleine Fiat-Blutung begonnen. Es wird aufgrund spekulativer Angriffe auf schwache Fiat-Währungen rasch zu einem hohen Blutverlust mit möglicher Todesfolge eskalieren. Das Endergebnis wird die Hyperbitcoinisierung sein, d.h. „Ihr Geld ist hier nichts wert“.

Thiers‘ Gesetz: Gutes Geld verdrängt schlechtes

Historisch gesehen waren es gute, starke Währungen, die schlechte, schwache Währungen verdrängt haben. Über mehrere Jahrtausende hinweg haben starke Währungen im internationalen Wettbewerb dominiert und schwache Währungen verdrängt. Der persische Daric, die griechische Tetradrachme, der makedonische Stater und der römische Denar wurden nicht zu dominanten Währungen der Antike, weil sie „schlecht“ oder „schwach“ waren. Die Gulden, Dukaten und Pailletten der italienischen Stadtstaaten wurden nicht zu den „Dollars des Mittelalters“, weil sie „schlechte“ Münzen waren; sie gehörten zu den besten Münzen, die je geprägt wurden. Das Pfund Sterling im 19. Jahrhundert und der Dollar im 20. Jahrhundert wurden nicht zu den vorherrschenden Währungen ihrer Zeit, weil sie schwach waren. Beständigkeit, Stabilität und hohe Qualität waren die Attribute der großen Währungen, die den Wettbewerb um die Verwendung als internationales Geld gewonnen haben.

Robert Mundell, „Gebrauch und Missbrauch des Gresham’schen Gesetzes in der Geschichte des Geldes“.

Bitcoin ist nicht nur gutes Geld, es ist das beste Geld.5 Das Bitcoin-Netzwerk hat die beste Geldpolitik6 und die beste Marke.7 Wir dürfen daher erwarten, dass Bitcoin schlechte, schwache Währungen verdrängen wird.8 Durch welchen Prozess wird Bitcoin zur dominierenden Währung? Welche Fiat-Währungen werden als erste verschwinden? Dies sind die heute interessanten Fragen, da die notwendigen Prämissen für diese Fragen bereits feststehende Wahrheiten sind.9

1. Fiats blutende Wunden

Bitcoin tendiert heute dazu, seinen Wert mit jeder Welle neuer Nutzer exponentiell zu erhöhen. Das gute Geld vertreibt „langsam“ das schlechte. Zwei Faktoren treiben dies an:

  1. Verringerung der Informationsasymmetrie – die Menschen lernen über Bitcoin und kommen zu der Erkenntnis, dass Bitcoin tatsächlich das beste Geld ist. Mögliche überlappende Motive sind:
    • ADHS – zwanghafter Neuheitsfetischismus, induziert durch unsere Nachkriegs-Konsumkultur und/oder angeborene biologische Prozesse.
    • FOMO – Angst, etwas zu verpassen, siehe Regret-Theorie and Eigengruppe, auch bekannt als Geiz und Statussucht.
    • PISD – Post-Internet-Stress-Störung, auch bekannt als „Disruption“, „Das nächste große Ding“, „Internet des Geldes“.
  2. Zunehmende Liquidität – der Kauf von Bitcoin ist heute bequemer und mit weniger Gebühren verbunden als noch vor einem Jahr. Man kann rational vorhersagen, dass dies auch nächstes Jahr der Fall sein wird. Warum? Weil der Verkauf von Bitcoins ein profitables und wettbewerbsorientiertes Geschäft ist. Warum? Weil die Menschen Bitcoins wollen, siehe oben.

Aufgrund der Gruppenpsychologie kommen Neuankömmlinge in Wellen. Die Wellen haben eine destabilisierende Wirkung auf den Wechselkurs: Spekulanten sind sich über die Amplitude oder Wellenlänge der Adoption unsicher, und Amateur-Zocker lassen sich von ihrer Aufregung und der anschließenden Angst überwältigen. Ungeachtet dessen ist der Preis, sobald sich die Flut zurückgezogen hat und die schwachen Hände aufgegeben haben, ein mehrfaches höher als vor der Welle. Dieses „langsame“ Ausbluten ist das derzeitige Adoptionsmodell, und die interessierten Kommentatoren gehen im Allgemeinen von einer der folgenden Annahmen aus:

  1. Langsames Ausbluten ist noch nie passert, es ist eine Fiktion, die auf irreführenden Daten beruht.
  2. Die langsame Blutung hat aufgehört, die oben genannten Motive sind nur noch für Lolbertarier (ein abschätziger Begriff für Libertäre, Anm. d. Ü.) und wütende Teenager relevant.
  3. Der Prozess wird sich jetzt verlangsamen, da all die supertechnisch-versierten Leute bereits an Bord sind.

Ich sage voraus, dass sich die langsame Blutung beschleunigt hat und nur der erste Schritt ist. Der zweite Schritt werden spekulative Angriffe sein, die Bitcoin als Plattform nutzen werden. Der dritte und letzte Schritt wird die Hyperbitcoinisierung sein.

2. Währungskrisen

Es könnte sinnvoll sein, sich ein paar zu besorgen, nur für den Fall, dass es sich verbreitet. Wenn nur genug Menschen daran glauben, wird es zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Hat es die Startsequenz erstmal erfolgreich durchlaufen, werden sich so viele Anwendungsmöglichkeiten ergeben, denn man kann ohne Aufwand ein paar Cents an eine Webseite zahlen, so wie man Kleingeld in einen Cola-Automaten wirft.

Satoshi Nakamoto, 17. Januar 2009

Langsames Ausbluten führt zu einer Währungskrise, da sich der erwartete Wert von Bitcoin in den Köpfen der Menschen verfestigt. Zunächst ist man konservativ, man investiert, „was man sich leisten kann zu verlieren“. Nach 12-18 Monaten hat ihr kleiner Vorrat an Bitcoin dramatisch an Wert gewonnen. Sie sehen keinen Grund, warum sich dieser langfristige Trend umkehren sollte: Die Fundamentaldaten haben sich verbessert, und dennoch bleibt die Akzeptanz gering. Ihr Vertrauen nimmt zu. Sie kaufen mehr Bitcoin. Sie rationalisieren: „Nun, es sind nur [1 -5%] meiner Investments“. Sie sehen den Preis ein paar Mal abstürzen, weil Blasen platzen oder weil es einfach ein paar Panikverkäufe gibt – das verleitet sie dazu, mehr zu kaufen, „ein Schnäppchen“. Bitcoin wächst auf der Aktivseite ihrer Bilanz.

Auf der Passivseite der Bilanz der Bitcoiner stehen Hypotheken, Studentenkredite, Autokredite, Kreditkarten usw. Jeder ermahnt die Menschen, bloß keine Kredite aufzunehmen, um Bitcoins zu kaufen. Die Realität ist, dass Geld fungibel ist: Wenn Sie Bitcoins kaufen, anstatt das Kapital Ihrer Hypothek zurückzuzahlen, sind Sie ein Bitcoin-Investor mit Hebelwirkung. Fast jeder ist ein gehebelter Bitcoin-Investor, weil es wirtschaftlich sinnvoll ist (innerhalb eines vernünftigen Rahmens). Die Kosten für die Kreditaufnahme (annualisierte Zinssätze zwischen 0 % und 25 % auf Jahresbasis) sind niedriger als der erwartete Ertrag aus dem Besitz von Bitcoin.

Wie fremdfinanziert die Bilanz von jemandem ist, hängt vom Verhältnis zwischen Aktiva und Passiva ab. Die Attraktivität der Fremdfinanzierung steigt, wenn die Menschen glauben, dass die auf Fiat lautenden Verbindlichkeiten real abnehmen werden, d.h. wenn sie erwarten, dass die Inflation höher sein wird als der von ihnen gezahlte Zinssatz. An diesem Punkt wird es zum Kinderspiel, sich die schwache Landeswährung mit allen Sicherheiten, die eine Bank akzeptiert, zu leihen, in eine starke Fremdwährung zu investieren und den Kredit später mit realisierten Gewinnen zurückzuzahlen. In diesem Prozess erschaffen die Banken mehr von der schwachen Währungen, was das Problem noch verstärkt.

Wenn Menschen, Unternehmen oder Finanzinstitutionen ihre lokale Währung leihen, um Bitcoin zu kaufen, hat dies zur Folge, dass der Preis des Bitcoin in dieser Währung im Vergleich zu anderen Währungen steigen würde. Zur Veranschaulichung: Nehmen wir an, Inder aus der Mittelschicht würden nach und nach in Bitcoin einsteigen. Aus Tausenden von Käufern werden Hunderttausende von Käufern. Sie leihen sich indische Rupien durch die Aufnahme von Hypotheken auf unbelastete Sicherheiten, die sie haben – Häuser, Geschäfte, Goldschmuck usw. Sie verwenden diese Rupien, um Bitcoin zu kaufen. Der Preis für Bitcoins in indischen Rupien steigt, es entsteht ein Aufschlag gegenüber anderen Währungspaaren. Ein Bitcoin in Indien kann 600 $ wert sein, während er in den USA zu 500 $ gehandelt wird. Händler würden Bitcoin in den USA kaufen und sie in Indien verkaufen, um einen Nettogewinn von $100 zu erzielen. Dann würden sie ihre Indischen Rupien für Dollar verkaufen. Dies würde die Indische Rupie schwächen, was eine importierte Inflation und Verluste für ausländische Investoren zur Folge hätte. Die indische Zentralbank müsste entweder die Zinssätze erhöhen, um den Zyklus zu durchbrechen, Kapitalkontrollen einführen oder ihre Devisenreserven ausgeben, um den Wechselkurs der Rupie zu stützen. Die einzige nachhaltige Lösung wäre ein Zinserhöhung, obwohl sie das Land in eine Rezession stürzen würde.

Es gibt ein riesiges Problem mit der Erhöhung der Zinssätze durch die indische Zentralbank: Die historische Rendite von Bitcoin beträgt ~500% pro Jahr. Selbst wenn die von den Investoren erwartete zukünftige Rendite 1/10 davon beträgt, müsste die Zentralbank die Zinssätze auf ein unzumutbares  Niveau anheben, um den Angriff zu stoppen. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Alle würden vor der Rupie fliehen und Bitcoins annehmen, eher aus wirtschaftlichem Zwang als aus technologischer Erleuchtung. Dieses Beispiel ist rein illustrativ, es könnte zunächst in einem kleinen Land geschehen, oder es könnte gleichzeitig auf der ganzen Welt geschehen. Es lässt sich nicht vorhersagen, wer wie seine Bilanz hebelt, und es aufzuhalten, wenn der Damm bricht, wird unmöglich sein.

Welche Länder sind am anfälligsten für eine Währungskrise? Business Insider bietet hier eine hilfreiche Liste. Bitcoins müssen eine bestimmte Liquiditätsschwelle erreichen, die durch einen soliden Börsenplatz  in jedem Finanzzentrum und eine reale Geldmenge – d.h. Marktkapitalisierung – von mindestens 50 Milliarden Dollar angezeigt wird, bevor sie als Instrument für einen spekulativen Angriff eingesetzt werden können. Dies wird entweder mit einer Währungskrise zusammenfallen oder eine solche verursachen.

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3. Hyperbitcoinisierung

Ein spekulativer Angriff, der auf eine oder einige wenige schwache Währungen isoliert zu sein scheint, aber die Kaufkraft von Bitcoin dramatisch ansteigen lässt, wird schnell zu einem Dominoeffekt führen. Zum Beispiel werden die Schweizer den Preis des Bitcoin um das Zehnfache und dann um das Hundertfache steigen sehen. Bei einer solchen Gewinnspanne werden sie Bitcoins kaufen, einfach weil sie auf seinen Wert spekulieren wollen und nicht aufgrund eines inhärenten Problems mit dem Schweizer Franken. Die Reflexivität hier bringt es mit sich, dass der Rückgang der Nachfrage nach Schweizer Franken tatsächlich eine höher als erwartete Inflation und damit ein inhärentes Problem mit dem Schweizer Franken verursachen würde. Die Rückkopplungsschleife zwischen Fiat-Inflation und Bitcoin-Deflation wird die Welt in eine vollständige Hyperbitcoinisierung stürzen, wie Daniel hier erklärt.

Schlussfolgerung

Bitcoin wird zum Mainstream werden. Die Bitcoin-Skeptiker verstehen dies wegen ihrer Voreingenommenheit und ihres mangelnden Finanzwissens nicht. Erstens befinden sie sich in einer ebenso starken Echokammer wie Bitcoiner.10 Sie suchen wütend nach Beweisen, die ihre Ansicht über Bitcoin bestätigen. Zweitens missverstehen sie, wie starke Währungen wie Bitcoin schwache Währungen wie den Dollar überholen: Dies geschieht durch spekulative Angriffe und Währungskrisen, die von Investoren verursacht werden, und nicht durch die sorgfältige Bewertung von Technikjournalisten und „Mainstream-Verbrauchern“. Um diese bald ausgestorbenen Skeptiker zu ehren, hat das Nakamoto-Institut A Tribute to Bold Assertions ins Leben gerufen.


Anmerkungen/Quellen:

  1. Nein, im Ernst, es gibt Leute im Internet, die eine nicht unerhebliche Menge an Zeit damit verbringen, über eine Währung zu schreiben, von der sie glauben, dass sie scheitern wird und die dennoch weiterhin so erfolgreich ist, dass sie die Erwartungen aller übertrifft. Ihr Mangel an Schadenfreude bereitet mir Schadenfreude. Zugegeben, einige von ihnen werden dafür bezahlt, kontroversen Clickbait und/oder Besorgnis heuchelnde Artikel zu schreiben – beides Aktivitäten, die ich respektiere und verstehe.
  2. Dies wird im Allgemeinen von Leuten gesagt, die sich in der „out-group“ befinden und davon phantasieren, durch Politik/Abstammung und nicht durch wirtschaftliche/meritokratische Prozesse in der „in-group“ zu sein. Demographisch gesehen überschneiden sie sich wahrscheinlich mit Fans von The Secret. Wirtschaftlich gesehen sind sie ausnahmslos Blender.
  3. Bitcoin ist in den Ewigen September eingetreten, in dem jede Person, die neu in Bitcoin ist, denkt, dass sie ein einzigartiges Verständnis von Bitcoin hat, und dass jeder davon erfahren sollte. Es gibt eine endlose Flut von Neulingen, die über dieses und jenes „Problem“ mit Bitcoin „besorgt“ sind. Die Bitcoin-Gemeinde erweist diesen Neuankömmlingen einen wirklich schlechten Dienst, indem sie sie ernst nimmt, anstatt ihnen einfach zu sagen, „lesen Sie mehr“.
  4. Das Gegenteil von Bitcoin Jesus. Bitcoin Jonah ist ein defätistischer, sich  selbst sabotierender und zaghafter „Mann“, der ständig auf der Suche nach Bestätigung dafür ist, dass Bitcoin schwach ist. 
  5. Bitcoin is the Best Unit of Account von Daniel Krawisz
  6. The Bitcoin Central Bank’s Perfect Monetary Policy von Pierre Rochard
  7. Bitcoin Has No Image Problem von Daniel Krawisz
  8. Hyperbitcoinization von Daniel Krawisz
  9. Wer anderer Meinung ist, hat entweder nichts gelernt oder sich nicht an den Debatten beteiligt. Gehe zurück auf Anfang.
  10. “Ich lebe in einer ganz besonderen Welt. Ich kenne nur eine Person, die für Nixon gestimmt hat. Wo sie sind, weiß ich nicht. Sie sind außerhalb meines Sichtfeldes. Aber manchmal, wenn ich in einem Theater bin, kann ich sie spüren.” – Pauline Kael