Nur die Stärksten überleben – Einleitung

Einleitung zu Nur die Stärksten überleben, aus dem Original „Only the strong survive“ von Allen Farrington und BigAL, erschienen am 19.09.2021 auf seiner Webseite. Übersetzt von BitBoxer, Lektorat durch Juniormind.


Allen Farrington ist Investment Manager bei Baillie Gifford & Co, die im Namen ihrer Kunden Aktieninvestitionen in Blockchain.com und Blockstream halten, aber zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts weder in Kryptowährungen (Bitcoin oder andere) noch in anderen Unternehmen engagiert sind, die hauptsächlich im Bereich der Kryptowährungen tätig sind. Allen hat eine Beobachterrolle im Vorstand von Blockstream inne.

Big Al ist ein Pseudonym – der Autor arbeitet bei einem in den USA ansässigen Hedgefonds.

Die folgenden Ausführungen geben nicht die Ansichten der Arbeitgeber der beiden Autoren wieder und stellen keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Es handelt sich um eine philosophische, technische und wirtschaftliche Bewertung einer neuen Klasse von Internet-Protokollen. Diese Protokolle führen in der Regel zu originär digitalen Vermögenswerten, die sich für natürlich entstehende Online- und öffentliche Märkte eignen und direkte Investitionsmöglichkeiten bieten. Nichtsdestoweniger handelt es sich bei den folgenden Ausführungen einzig und allein um unsere Einschätzung der voraussichtlichen Entwicklung dieser Technologien. Leser, die erwägen, in einen der hier besprochenen Vermögenswerte zu investieren, sollten ihre eigenen Nachforschungen anstellen und sich nicht auf unsere Arbeit verlassen.


Kurzfassung

In diesem Beitrag erörtern wir unsere Bedenken in Bezug auf den breiteren „Krypto“-Bereich jenseits von Bitcoin. Unsere Argumente drehen sich um drei Hauptthemen: Philosophie, Technik und Wirtschaft. Aus einer philosophischen Perspektive diskutieren wir die Kerneigenschaften, die Bitcoins Funktionalität ermöglichen und die ihn unserer Meinung nach einzigartig machen. Aus technischer Sicht bewerten wir, inwieweit diese Eigenschaften bei alternativen „Krypto-Assets“ mehr oder weniger fehlen, da sie wiederum mit fragwürdigen philosophischen Begründungen entwickelt wurden. Aus ökonomischer Sicht gehen wir auf unsere Bedenken ein, dass „Krypto“ keinen Weg aufgezeigt hat, um eine Grundlage für einen gerechtfertigten realen Wert zu schaffen, und erklären, warum wir glauben, dass dies nur sehr schwer zu bewerkstelligen wäre, und weisen darauf hin, dass ihre technischen Mängel daher besonders schwerwiegend sind. Angesichts der Komplexität der Aufgabe, die wir uns gestellt haben, soll dieser Beitrag unsere Argumente in eine Langfassung bringen und eine Diskussionsgrundlage für Meinungsverschiedenheiten in gutem Glauben bieten.

Reden, reden, reden: die völlige und herzzerreißende Dummheit der Worte.

William Faulkner über die Autoren dieses Stücks

Bitcoin ist eine wichtige Innovation. Wir bezweifeln, dass irgendein seriöser Finanzfachmann dies heute bestreitet. Die Bedeutung der vielen Nachahmungen von Bitcoin, die unter dem Begriff „Kryptowährungen“ – oder einfach „Krypto“ – zusammengefasst werden, ist jedoch umstritten. Unser Argument ist, dass:

  1. sich ein Großteil des aktuellen Wertes langfristig als nicht nachhaltig erweisen und daher verschwinden wird und;
  2. es möglich ist, dass ähnliche Systeme, die auf Bitcoin aufbauen, einen Großteil dieses Wertes übernehmen werden. Dieses Papier ist eine rigorose philosophische, technische und wirtschaftliche Analyse, warum wir diese Ansicht vertreten.

Da wir diese Terminologie im gesamten Dokument verwenden, müssen wir uns sowohl darüber im Klaren sein, was wir mit „dezentralem Finanzwesen“ und „DeFi“ meinen, als auch über unsere Haltung dazu. Dies dient sowohl der Klärung der von uns gewählten Terminologie, als auch der Verdeutlichung unserer Motivation und Einstellung. Wir befürworten nachdrücklich die Grundsätze des dezentralen Finanzwesens, die wir nach Möglichkeit in Kürze erläutern und untersuchen werden.

Unter dem Konzept des dezentralen Finanzwesens verstehen wir ein Ökosystem, in dem die Bausteine der Finanz- und Kapitalmarktprodukte für alle frei zugänglich sind, ohne dass technische Engpässe oder wirtschaftliche Mittelsmänner überwunden werden müssen; in dem ihre Funktionsweise auf der Grundlage von freiem und quelloffenem Code transparent einsehbar und überprüfbar ist; in dem nicht nur die Produkte, sondern sogar die Architektur der Marktplätze nach diesen Prinzipien funktioniert; in der sich diese Beschaffenheit von Natur aus für die ursprüngliche Programmierbarkeit und die anschließende Interoperabilität eignet; und in der aufgrund der Kombination aller vorgenannten Faktoren keine Einzelperson oder Einrichtung das Marktgeschehen böswillig oder politisch beeinflussen kann, sei es in Form von Agitation zu ihrem eigenen Vorteil oder zum Nachteil anderer. Der Traum ist im Endeffekt, dass alle Teilnehmer ehrlich sind und alle ehrlichen Teilnehmer akzeptiert werden, so dass eine lange und umfassende Kette von Kapitalmarkt-Aktivitäten freigesetzt werden kann – ein Bereich der sozialen und politischen Ökonomie, der in der modernen Geschichte notorisch ineffizient, exklusiv, extraktiv und unterdrückerisch war.

Unser Argument ist, dass diese Ausprägung des Konzepts meist auf einem unsicheren Fundament steht und leider nicht von Dauer sein wird. Es lohnt sich auch, so offen wie möglich zu sagen, dass viele (wahrscheinlich alle) der Finanzkonstruktionen, die wir kritisieren, am Ende auf Bitcoin – auf Bitcoin DeFi, wie wir es nennen könnten – rekonstruiert werden könnten und ebenso kritikwürdig wären. Unser Argument ist hier nicht, dass Bitcoin und seine höheren Schichten eindeutig gut sind, sondern dass solche fragwürdigen Konstruktionen in der Nicht-Bitcoin-Welt offenbar gefördert werden – ja sogar notwendig sind –, um eine Rechtfertigungslücke eines stabilen Wertes zu füllen, die überhaupt erst dadurch entsteht, dass sie das Design von Bitcoin in ihrer eigenen Konstruktion unvorsichtig verändert haben.

Unsere Meinung über die Torheit dieser Design-Entscheidungen bildet Abschnitt 1 des Papiers. Wir machen uns daher zwei Sorgen über Krypto-Defis, die nicht auf Bitcoins basieren und auf diesem Unsinn aufbauen, was die Abschnitte 2 und 3 des Papiers ausmacht: dass der Design-Unsinn bedeutet, dass sie als vermeintlich stabile, dezentralisierte Vermögenswerte wahrscheinlich nicht überleben werden, und dass dieser grundlegende Fehler implizit einen oberflächlicheren Fehler begünstigt hat, nämlich den Versuch, eine alternative Wertgrundlage zu schaffen, die jedoch bei strenger Prüfung nicht gerechtfertigt werden kann (weil es sich bei den Anwendungen nicht wirklich um Finanzen handelt). In Abschnitt 4 werden die gegenwärtigen Investitionsgründe bewertet, und in Abschnitt 5 wird unsere Überzeugung dargelegt, dass ein Großteil, wenn nicht sogar die gesamte Funktionalität letztendlich auf Bitcoin wieder aufgebaut werden wird.

Um unsere Terminologie zu verdeutlichen, meinen wir mit „DeFi“ oder „dezentrales Finanzwesen“ nur das Konzept. Mit „Krypto“ meinen wir die aktuelle, nicht auf Bitcoin basierende Ausprägung. Wir sind uns bewusst, dass dies zu einer gewissen Verwirrung führen kann, da DeFi in verschiedenen Situationen sowohl das Konzept als auch die Ausprägung zu meinen scheint, und Krypto scheint öffentliche Blockchains sowohl inklusive als auch exklusive Bitcoin zu meinen, wenn es von verschiedenen Leuten oder in verschiedenen Kontexten gesagt wird, aber ehrlich gesagt mussten wir irgendwo in den sauren Apfel beißen. Angesichts der Tatsache, dass wir (wiederholt!) unsere Vorliebe für das Konzept der dezentralen Finanzen betonen wollen, schien dies die beste Variante zu sein, auf die wir uns einigen konnten.

Übersicht und Zusammenfassung der Abschnitte

1 – Die Innovation basierend auf den Grundprinzipien

Wir bieten eine philosophische Analyse dessen, was wir für die wirkliche Innovation in Bitcoin halten: Proof-of-Work und die Schwierigkeitsanpassung, die einen verteilten Konsens und „Geld“ als einen aufkommenden und endogenen Anwendungsfall ermöglicht.

2 – Krypto ist nicht dezentralisiert

Wir argumentieren, dass die Vielzahl der Änderungen, die Krypto-Projekte am Design von Bitcoin vornehmen, es wahrscheinlich machen, dass alle Ausprägungen irgendwann und in irgendeiner Form zentralisiert werden müssen. Dies untergräbt sowohl die angeblichen Ziele und macht es zu einer fragwürdigen, kostspieligen Alternative zu bereits zentralisierten Systemen, führt aber gleichzeitig einen noch bedrohlicheren Angriffsvektor ein: nicht einmal technisch oder wirtschaftlich, sondern sozial.

3 – Krypto ist kein Finanzwesen

Wir argumentieren, dass der Versuch, den Wert nicht durch Sicherheit, sondern durch Nutzen – insbesondere durch Nutzen in Finanzanwendungen – zu steigern, das Kernproblem der Kryptowährungen nicht löst, sondern es nur verschärft und seine Lösung verzögert. Wir betonen auch, dass die gängigen und beliebten Kennzahlen, die das Ausmaß der scheinbaren „Finanzaktivität“ erfassen, als Indikatoren für Gesundheit und Erfolg zutiefst irreführend sind und in erster Linie dazu dienen, weitere Kapitalzuflüsse zu motivieren, die zwar notwendig sind, um das Ökosystem aufrechtzuerhalten, aber keinen Beitrag zur realen wirtschaftlichen Produktivität leisten.

4 – Das „Investitions“-Grundprinzip

Wir liefern eine Begründung für die bisherigen Investitionen in diesem Bereich und argumentieren, dass die vernünftigste Investitionsthese im Wesentlichen ein subtiler Kategorienfehler ist, der dazu führt, dass Prinzipien aus dem Software-Venture-Investment übertragen werden, die in diesem Bereich nicht ganz zutreffen. Wir argumentieren weiter, dass nur eine bestimmte Klasse von Investoren diesen Fehler begehen wird, und die Erkenntnis, dass andere nicht folgen werden, wird wahrscheinlich den Anfang vom Ende markieren.

5 – Schichtenarchitektur und das Gall’sche Gesetz

Wir argumentieren, dass die wünschenswerten Funktionen von DeFi wahrscheinlich bald auch auf Bitcoin auftauchen werden. Darüber hinaus argumentieren wir, dass die Tatsache, dass diese Funktionen länger dauern und schwieriger zu entwickeln sind, eine grundsätzlich gute Sache ist; es spiegelt wider, dass die Architektur von Bitcoin auf eine robustere und umsichtigere Art und Weise entwickelt wurde als die seiner DeFi-Peers. Ironischerweise wird dies auf lange Sicht wahrscheinlich die Erweiterung der Funktionalität ermöglichen. Wir geben grundlegende Details zu einer Handvoll relevanter Projekte, bevor wir diese Dichotomie im philosophischen Detail analysieren.

6 – Warum wir uns irren könnten

In diesem kurzen abschließenden Abschnitt führen wir eine (nicht erschöpfende) Liste von Gründen an, warum sich die obige Analyse als falsch erweisen könnte.

Anhang A – Gemeinsame Ressourcen

In Anhang A argumentieren wir, dass alle „Krypto-Vermögenswerte“, Bitcoin eingeschlossen, richtig als „gemeinsame Ressourcen oder Allmende“ verstanden werden, im Gegensatz zu zum Beispiel öffentlichen Gütern oder wirklichem Privateigentum. Wir argumentieren dann, dass laut der wohl angesehensten Analyse solcher Entitäten die Governance-Merkmale von Bitcoin hervorragend sind, während die für Kryptowährungen typischen mittelmäßig bis schlecht sind. Dies ist für das Hauptargument des Papiers nicht entscheidend, könnte aber für Leser, die an akademischer, politischer Philosophie und Wirtschaft interessiert sind, von Interesse sein.

Anhang B – Algebra der Weiterverpfändung

In Anhang B stellen wir die Berechnungsgrundlagen für die Diskussion zu Beginn von Abschnitt 2 zur Verfügung, wie das systemische Risiko tatsächlich berechnet werden kann, im Gegensatz zu den naiven Behauptungen von „Überbesicherungsverhältnis“, die in diesem Bereich üblich sind.


Dies ist die Einleitung zur Serie “Nur die Stärksten überleben” von Allen Farrington und BigAL auf seiner Webseite. Die geäußerten Meinungen sind ausschließlich seine eigenen und spiegeln nicht notwendigerweise die von Aprycot Media wider.

Vielen Dank fürs Lesen! Aprycot Media kümmert sich darum, guten Bitcoin-Content auf Deutsch verfügbar zu machen. Ob einzelne Artikel, Bücher oder eine ganze Mediensammlung. 

Die Inhalte auf der Mediathek werden von unseren Übersetzern und Lektoren, unseren Content Plebs, auf freiwilliger Basis und unentgeltlich erstellt. Wenn du ihnen etwas zurückgeben möchtest, findest du auf https://aprycot.media/content-plebs/ die Möglichkeit, Ihnen ein paar Sats zukommen zu lassen. #value4value

Eine noch umfangreichere Übersicht findest du unter: aprycot.media/thek/ oder auch bitcoinquellen.de.

Produkte

Weitere Artikel

Bitcoin-Transaktionskriege: Warum wir das Mining durch Home-Mining dezentralisieren müssen

Bitcoin-Transaktionskriege: Warum wir das Mining durch Home-Mining dezentralisieren müssen

Aus dem Original „Bitcoin Transaction Wars: Why we need to decentralize mining with home mining“ von Michael Schmid, erschienen am 9. September 2022 auf ungovernablemisfits.com. Übersetzt von stfano, Lektorat durch Juniormind. Es zeichnet sich ein neuer Bitcoin-Krieg ab: der Bitcoin-Transaktionskrieg,…
Bitcoin, gutes und schlechtes Geld

Bitcoin, gutes und schlechtes Geld

Ein Interview mit dem Ökonom und Autor Rahim Taghizadegan von Gilbert Rosenkranz. Erstmals erschienen am 26. September 2022 auf TIROLER Sonntag. Rahim Taghizadegan ist Ökonom der Österreichischen Schule in direkter Tradition in Österreich und Autor von mehr als einem Dutzend…
Der legendäre Schatz von Satoshi Nakamoto

Der legendäre Schatz von Satoshi Nakamoto

Aus dem Original „The Legendary Treasure of Satoshi Nakamoto“ von Tomer Strolight, erschienen am 06.09.2022 auf Medium. Übersetzt von BitBoxer, Lektorat durch Satsang. Prolog – Bitcoin ist spirituelles Erwachen Geld wird im Allgemeinen nicht als etwas angesehen, das mit Reisen…
Warenkorb
Es sind keine Produkte in deinem Warenkorb!
Weiter einkaufen
0